Kurator Skulpturengarten Wien
Gino Brackerini
Der Kurator
Gino Brackerini
im Gespräch mit
dem Bildhauer
ERIK TANNHÄUSER
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Erik Tannhäusers künstlerische Praxis bewegt sich zwischen Skulptur, Installation, Licht, Materialprozess und öffentlichem Raum. Im Zentrum seines Werks stehen ortsbezogene Arbeiten, die bewusst außerhalb klassischer Kunstinstitutionen entstehen: in Bahnhöfen, Flughäfen, Regierungsvierteln, auf ehemaligen Militärflächen, in historischen Parkanlagen oder in landschaftlich markierten Räumen. Der Ort erscheint dabei nicht als Kulisse, sondern als wirksamer Bestandteil der Arbeit – als Träger von Geschichte, Nutzung, politischer Symbolik und atmosphärischer Erinnerung.
Über Erik Tannhäuser
Frühe biografische Erfahrungen bilden einen stillen Resonanzraum dieser Haltung. Tannhäuser wurde 1974 als Frühgeburt geboren und verbrachte seine ersten Lebenswochen isoliert im Brutkasten. Der Blick durch Glas auf eine zunächst unerreichbare Außenwelt wurde zu einer frühen Form des Beobachtens – Distanz und Wahrnehmung gingen jeder Handlung voraus. Aufgewachsen im thüringischen Wintersdorf, zwischen Waldlandschaft und sowjetischer Militärpräsenz, erlebte er Natur und politische Infrastruktur als gleichzeitige Realität. Die langsame Veränderung organischer Materialien, das Wachsen, Vergehen und Hinterlassen von Spuren, ebenso wie die Präsenz militärischer Zeichen im Alltag, prägen bis heute die innere Topografie seines Werks.
Ein frühes Arbeitsfeld bildeten großformatige Skulpturen im Umfeld experimenteller Festival- und Gegenkultur. Als Mitbegründer des später international bekannten Fusion Festival entwickelte Tannhäuser auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Lärz monumentale Stahlskulpturen, darunter figürliche Großformen wie die Installation Menschmaschine und die Rings of Fire. Licht, Feuer, Technik und Landschaft wurden hier zu gleichwertigen Bestandteilen temporärer Rauminszenierungen. Die Arbeiten besetzten ein Gelände, das einst militärischer Kontrolle unterlag, und übersetzten es in ein offenes künstlerisches Erfahrungsfeld. Parallel entstanden Interventionen im Umfeld der Love Parade in Berlin.
Aus dieser frühen Praxis entwickelte sich eine kontinuierliche Ausstellungstätigkeit zwischen Kulturraum, Festivalstruktur und urbaner Öffentlichkeit. Großskulpturen wurden bei Museumsnächten und in temporären Freiräumen gezeigt. Viele Arbeiten waren modular angelegt und wurden jeweils neu auf den Ort bezogen montiert – nicht als Wiederholung, sondern als räumliche Neuverhandlung.
Parallel dazu entstanden multimediale Ausstellungen für wissenschaftliche und institutionelle Kontexte. Für die Max-Planck-Gesellschaft entwickelte Tannhäuser mit v-cell – Die virtuelle Zelle eine begehbare Installation über biologische Prozesse, gezeigt im Deutschen Museum sowie im Berliner Technikmuseum. Möbelkörper, Projektionen und textile Strukturen verbanden wissenschaftliche Modelle mit räumlicher Erfahrung. Auch Arbeiten für Musikproduktionen – darunter eine Baumskulptur für Sonne von Rammstein – zeigen früh die Offenheit des Werks gegenüber unterschiedlichen Bild- und Produktionssystemen.
Ein zentrales Motiv seines Schaffens ist die Bewegung von Kunst in gesellschaftliche Alltagsräume. Mit dem Projekt Anhänger der Kunst entwickelte Tannhäuser einen mobilen Ausstellungsraum, der den White Cube buchstäblich verließ. Was als leuchtende Intervention auf dem Berliner Kurfürstendamm im Rahmen des Festival of Lights begann, wurde zu einem rollenden Ausstellungsraum, der Berliner Stadträume durchquerte und später bis ins MuseumsQuartier Wien gelangte. Durch die Fenster des beleuchteten Anhängers erschienen Skulpturen, Bilder und Videoprojektionen im Vorübergehen: Kunst nicht als Ziel eines Besuchs, sondern als unerwartete Begegnung im Rhythmus des Alltags. 2023 kehrte diese Idee in konzentrierter Form zurück – als tragbare Ausstellungsbox, reduziert auf einen minimalen mobilen Denkraum.
Seit den 2010er Jahren gewinnen politische Skulpturen im öffentlichen Raum zunehmend Gewicht. Tannhäuser nutzt Orte staatlicher Repräsentation, um gesellschaftliche Konfliktlinien sichtbar zu machen. Vor dem Bundeskanzleramt entstand 2013 Unsere Waffen töten (Silent Weapon – Die entknotete Pistole), eine bewusst gesetzte Gegenfigur zur bekannten Non Violence-Skulptur. Es folgten Arbeiten vor dem Reichstagsgebäude sowie am Brandenburger Tor. Für Reporter ohne Grenzen und Amnesty International entstanden weitere Interventionen, darunter Fountain against Torture während der documenta 14 in Kassel sowie der Menschenrechtsturm auf Tour durch mehrere Städte in Österreich.
Parallel dazu entstehen Werkserien, in denen existenzielle Fragestellungen stärker in materialbasierte Formen übersetzt werden. Skulpturen wie der aus Bruchglas gefertigte Esel, die Figurengruppe Entnabelung, Condé oder Der Geschrittene Mann untersuchen fragile Zustände zwischen Verletzlichkeit, Bindung und Loslösung. Historische, menschliche und archetypische Motive erscheinen nicht als feste Zeichen, sondern als offene Zustände des Übergangs. Rost, Glas, Schiefer, Asche oder organische Ablagerungen werden zu eigenständigen Bedeutungsträgern. Auch Klang tritt als skulpturales Medium hinzu, etwa in 11 Pfeifen, wo historische Orgelpfeifen zu einem atmenden Klangkörper transformiert werden. Form bleibt hier niemals abgeschlossen; sie trägt Zeit in sich.
Ein weiterer Werkkomplex widmet sich Transiträumen und urbanen Infrastrukturen. Installationen an Flughäfen, Bahnhöfen und Verkehrsorten lesen Mobilität als kulturelles Bild und Transit als Zustand gesellschaftlicher Verdichtung. Internationale Sichtbarkeit erhielt Tannhäuser durch großformatige Fassadenarbeiten: 2009 entstand am Kollhoff-Tower am Potsdamer Platz im Auftrag von Vattenfall zur Leichtathletik-WM Javelin, der „längste Speer der Welt“ mit Guinness-Weltrekord. Dort wurde auch Faces of Berlin für das Festival of Lights realisiert – eine monumentale Maske, auf die Besucherporträts projiziert wurden.
Seit 2006 entwickelt Tannhäuser mit Developments eine Werkserie, in der sich Naturbeobachtung, Materialprozess und Zeit unmittelbar miteinander verbinden. Blätter, Blüten, Fische oder Tierkörper hinterlassen über längere Zeiträume Spuren auf Stahlplatten; Oxidation, Feuchtigkeit und chemische Reaktionen werden dabei selbst zu bildnerischen Kräften. Die Arbeiten entstehen nicht aus gestischer Setzung, sondern aus kontrollierter Dauer – aus Ablagerung, Veränderung und materieller Transformation.
Nach einer ersten Präsentation in Form einer neun Meter durchmessenden Rotunde in Berlin reiste die Werkserie auf dem Kulturschiff MS Stubnitz von Rostock über Kopenhagen und Amsterdam bis nach Hamburg. In Wien fand sie eine neue Ausprägung: Hier traten urbane Naturphänomene und die Spuren von Verkehrsopfern als zusätzliche Elemente in die Arbeiten ein. 2024 wurde Developments im Park von Schloss Schönbrunn sowie im Naturraum des Gosausee im Rahmen von Bad Ischl Salzkammergut 2024 präsentiert. 2025 folgten Ausstellungen auf der Parallel Messe in Wien und beim Salon d’Automne in Paris; für 2026 ist eine Präsentation im Parc de la Villette vorgesehen.
Parallel zur bildnerischen Entwicklung wurde die Serie früh auch klanglich erweitert. Bereits 2006 schuf der Berliner Produzent Nhoah eine Vertonung, in der Wasser als akustisches Leitmotiv den Ausgangspunkt bildete. Gemeinsam mit einem Geräuschemacher mit Schwerpunkt Wasserklang, einer Englischhorn-Spielerin und unter Einbeziehung von Tannhäusers Orgel 11 Pfeifen entstand eine Komposition, die den Prozesscharakter der Werkserie in eine auditive Form übertrug. Zwanzig Jahre später greift der Hamburger Musiker Sinnthese diese Komposition in einem Remix erneut auf und verlagert den Schwerpunkt vom Element Wasser hin zum landschaftlichen Lebensraum.
2023 wurde mit Chase eine digitale Erweiterung der Werkidee entwickelt: Lukas Höwarthund Ananda Feichtinger entwarfen und programmierten ein Computerspiel, das die Perspektive der Serie ins Interaktive überführt. Während Wildtiere in der realen Welt dem menschlichen Verkehrsraum ausgeliefert sind, kehrt Chase die Verhältnisse um: Ein Fuchs wird zur handelnden Figur, die Autos von der Straße drängt, um Artgenossen und andere Tiere zu schützen. Die Arbeit übersetzt zentrale Motive von Developments – Verletzlichkeit, Revier, Eingriff und Gegenwehr – in ein digitales Handlungssystem.
Tannhäusers Arbeiten verlassen bewusst den White Cube. Skulptur erscheint bei ihm nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als räumliche Handlung – als temporäre Verschiebung dessen, was an einem Ort sichtbar, erinnerbar und gesellschaftlich verhandelbar wird.
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